Interview
Welche Kompetenz in Ihrem Beruf überrascht Menschen außerhalb der Psychiatrie am meisten?
Dass Psychiater zunächst einmal auch Ärzte sind! Eine Anekdote: In der COVID-Pandemie habe ich wie viele Ärzte an der Uniklinik Göttingen ein paar Tage lang andere Mitarbeitende geimpft. Ein Mitarbeiter außerhalb des medizinischen Bereichs sah mein Namensschild mit der Bezeichnung Klinik für Psychiatrie und fragte mich etwas besorgt, ob ich so etwas schon mal gemacht habe.
Als Psychiater berücksichtigen Sie biologische, psychische und soziale Faktoren. Was macht diese Kombination verschiedener Perspektiven anspruchsvoll und besonders spannend?
Dass es immer um den individuellen Menschen geht, nicht um einen Fall oder eine medizinische Prozedur! Auch wenn ich Medikamente verordne oder Stimulationsverfahren anwende, muss ich die psychosozialen Umstände im Blick haben, um einen therapeutischen Effekt nicht nur kurzfristig in der Klinik, sondern langfristig im Lebensumfeld der Betroffenen zu erreichen.
Das ist herausfordernd, zugleich aber sehr bereichernd und vor allem niemals langweilig.
Welche Fähigkeiten braucht man in der Psychiatrie, die man nicht einfach aus einem Lehrbuch lernen kann?
Das ist für mich klar die echte Empathie! Die Bereitschaft, sich einfühlend auf die Patientenperspektive einzulassen – ohne sie dabei übernehmen zu müssen – und dabei Verständnis und Wohlwollen zu signalisieren, ist die Grundlage einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung und damit auch für den Behandlungserfolg.
Muss man als Psychiater eher analytisch oder empathisch sein – oder ist genau diese Kombination entscheidend?
Definitiv beides! Tatsächlich sehe ich die fundierte Erhebung der Psychopathologie weiterhin als Kernkompetenz. Nur arbeiten wir im Gegensatz zum „echten“ Pathologen nicht mit Skalpell und Mikroskop, sondern beobachten psychische Prozesse auf der Ebene von Gedanken, Gefühlen und Verhalten und verstehen sie in ihren Zusammenhängen. Bestenfalls gelingt dies in einem normalen, fließenden Gespräch, in dem Patienten sich verstanden und ernstgenommen fühlen.
Welche diagnostischen Verfahren gehören zu Ihrem ärztlichen Werkzeugkasten?
Anamnese und Psychopathologischer Befund, Psychometrische Testverfahren, Neuropsychologische Tests, differentialdiagnostisch natürlich auch körperliche Untersuchung, Laboranalytik, EKG, zerebrale Bildgebung vom MRT bis hin zum PET/CT, EEG, Liquordiagnostik. Manchmal brauchen wir für die Befundinterpretation den engen Austausch mit anderen Fachdisziplinen. Diese breite Palette an Diagnostik zielgerichtet einzusetzen macht ebenfalls den Reiz und die Vielfalt des Fachgebietes aus. Manchmal steckt hinter der Depression oder der Psychose dann doch eine Schilddrüsenfunktionsstörung, eine Intoxikation oder eine Autoimmun-Enzephalitis.
Welche unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten stehen Ihnen als Psychiater zur Verfügung?
In der Psychiatrie verfügen wir über einen großen Werkzeugkoffer. Von Medikamenten verschiedener Substanzklassen, über Psychotherapie, Neurostimulationsverfahren (siehe auch Lexikon) und weitere experimentelle Verfahren bis hin zu soziotherapeutischen Maßnahmen und auch neuen Entwicklungen wie Psychedelika haben wir viele verschiedene Methoden zur Hand.
Welche Herausforderungen sehen Sie, verschiedene Therapieformen miteinander zu kombinieren?
Klinisch ist es häufig herausfordernd, dem Patienten die Zusammenhänge zwischen (Neuro-)Biologie und psychischen Prozessen zu erklären. Manchmal muss ich mit Medikamenten und Stimulationsverfahren – in meinem Fall der Elektrokonvulsionstherapie, kurz EKT – die Voraussetzungen für eine inhaltliche, psychotherapeutische Arbeit schaffen, manchmal mit Psychoedukation die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Medikamentöse Therapie oder EKT. Und strukturell: die Psychiatrie und Psychotherapie ist mittlerweile so breit ausdifferenziert, dass kaum noch jemand zugleich ein versierter Psychotherapeut sein und die aktuellsten Stimulationstechniken der EKT und rTMS anwenden kann. Zum Glück muss man nicht alles selber machen und arbeitet interdisziplinär im Team. Aber einer sollte den Überblick über alle Behandlungsstränge haben und sie gezielt koordinieren, und das ist der Psychiater oder die Psychiaterin!
Welches Therapieverfahren fasziniert Sie am meisten?
Immer noch ganz klar die EKT, auch wenn das Verfahren schon 90 Jahre alt ist. Wenn wir in der Psychiatrie manchmal im besten Sinne Wunder erleben, dann oft damit.
Ein „Neustart für das Gehirn“ kann manchmal zum Neustart für ein Leben werden.
Wie so oft in der medizinischen Diagnostik gibt es nicht immer einen eindeutigen Laborwert oder Befund. Wie lernen Sie, trotzdem fundierte Entscheidungen zu treffen?
In der Psychiatrie geht es oft darum, Muster zu erkennen. Das beginnt bei der Befunderhebung und Zuordnung der Psychopathologie zu einem Syndrom. Zugleich ist die organische Ausschlussdiagnostik obligat. Wie rasch ich handeln muss oder Zeit für eine mehr oder weniger umfangreiche Differentialdiagnostik habe ist eine Frage der klinischen Dringlichkeit, also letztlich eine Art Risikomanagement gemäß dem Grundsatz Primum non nocere. (Anmerkung der Redaktion: Teil des Hippokratischen Eids, übersetzt etwa Erstens nicht schaden.) Wenn ich durch Zuwarten einen Schaden riskiere, kann und muss ich auch auf Basis unvollständiger Informationen handeln. Aber das hat auch mit Erfahrung zu tun.
Was müssen Sie in einer psychiatrischen Notfallsituation innerhalb weniger Minuten erfassen können?
Ich muss die wichtigsten Differentialdiagnosen und potentiell vital gefährdenden Ursachen im Blick haben. Was bedroht meinen Patienten akut? Gibt es Hinweise auf Selbst- oder Fremdgefährdung? Suizidalität? Kann ich eine Intoxikation oder ein akut (hirn-)organisches Geschehen ausschließen? Und in der Psychiatrie als klinisch und rechtlich relevante Fragestellung: Ist der Patient in der Lage, seine Situation zu überblicken und darauf basierend eine informierte Entscheidung zu treffen, sprich: ist er einwilligungsfähig?
Welche Rolle spielt Prävention in der Psychiatrie – und welche Kompetenzen brauchen Psychiater, um psychische Erkrankungen möglichst früh zu erkennen oder sogar zu verhindern?
Ein wichtiges, zugleich aber schwieriges Thema. Wenn Patienten in die Klinik kommen, also bereits Symptome haben, sprechen wir ja per Definition über eine Sekundär- oder Tertiärprävention. Noch früher im Sinne einer Primärprävention anzusetzen fordert eine Adressierung der Risikofaktoren, was jedoch nur auf gesellschaftlicher Ebene und nicht alleine seitens der Medizin oder gar der Psychiatrie geleistet werden kann. Effektive Maßnahmen gegen psychische oder physische Gewalt besonders in der Kindheit sowie gegen soziale Isolation und Einsamkeit in jedem Lebensalter könnten viel verändern. Als Psychiater können wir zudem verhaltensmedizinische Aspekte vermitteln, z.B. soziale Kompetenzen, Schlafhygiene, Stressbewältigung und Lebensstilinterventionen.
Sie erwähnten die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Mit welchen Berufsgruppen arbeiten Sie regelmäßig zusammen?
Ich arbeite regelmäßig in einem interdisziplinären Team mit Ärztinnen und Ärzten, Fachpflegekräften und Psychologinnen und Psychologen zusammen. Hinzu kommen Spezialtherapeutinnen und -therapeuten aus der Sozialarbeit sowie der Ergo- und Physiotherapie. Gerade bei der EKT ist außerdem die enge Kooperation mit Anästhesistinnen und Anästhesisten unverzichtbar. Darüber hinaus besteht ein regelmäßiger Austausch mit zahlreichen Konsiliarärztinnen und -ärzten aus anderen Fachgebieten.
Welche Fähigkeit haben Sie während Ihrer Laufbahn am stärksten entwickelt?
Spontaneität, Kommunikation, Empathie, Klarheit.
Und was fiel Ihnen am Anfang schwer und ist heute selbstverständlich?
Ein diagnostisches Gespräch zu führen ohne dass Patienten sich wie in einem Interview oder einer Befragung fühlen.
Gibt es etwas, bei dem man in der Psychiatrie eigentlich nie „ausgelernt“ hat?
Die symptomatische Heterogenität und Überlappung vieler Krankheitsbilder! Kein einzelnes Symptom ist pathognomonisch, keine Störungsbild monokausal erklärbar. „Die Seele ist kein Ort von Tatsachen.“ Das zu akzeptieren und gleichzeitig nach Biomarkern für psychische Erkrankungen zu suchen, zeigt schon die Dimension des Unterfangens.
Was kann eine Psychiaterin oder ein Psychiater, das kaum ein anderes medizinisches Fach in dieser Kombination verlangt?
Vor allem eines: Integration! In der Psychiatrie müssen wir ganz unterschiedliche Befunde, Perspektiven und Behandlungsansätze zusammenführen. Gleichzeitig gilt es, die unterschiedlichen Perspektiven eines multiprofessionellen Teams einzubeziehen und daraus ein stimmiges Behandlungskonzept zu entwickeln. Ob Psychotherapie, medikamentöse Behandlung, Hirnstimulation oder sozialpsychiatrische Unterstützung – entscheidend ist, die verschiedenen Möglichkeiten sinnvoll miteinander zu verbinden und individuell auf die Patientinnen und Patienten abzustimmen. Gerade diese Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und unterschiedliche Ansätze zu integrieren, macht unser Fach so anspruchsvoll und spannend.
In welchem Moment Ihres Berufs merken Sie besonders: Genau deshalb habe ich Psychiatrie gewählt?
Wenn Patienten zum ersten Mal seit Monaten wieder ein echtes Lächeln im Gesicht haben, zum ersten Mal seit Wochen wieder ruhig und angstfrei schlafen können, zum ersten Mal seit Tagen wieder anfangen, selbständig zu essen und zu trinken.
Was würden Sie jemandem sagen, der glaubt, Psychiatrie bestehe hauptsächlich aus Gesprächen?
Kommen Sie zu uns und schauen Sie sich eine EKT-Behandlung an! (Und eine mittels therapeutischem Drug Monitoring gesteuerte Eindosierung von Lithium oder Clozapin mitsamt der erforderlichen Kontrollen von Blutbild, kardialen Nebenwirkungen, Nierenfunktion, etc.)
Und was, wenn das klassische Vorurteil aufkommt „Die verschreiben nur Pillen.“?
Kommen Sie zu uns und schauen Sie sich eine EKT-Behandlung an! (Und begleiten Sie unsere Patienten in die Gruppentherapien, zur Psychoedukation, zur Muskelentspannung, zur Tiertherapie, usw.)
Vervollständigen Sie den Satz: „Psychiatrie ist das schönste Fach, weil…
…es so vielfältig ist, wie kein anderes!
Jetzt hat es dich gepackt und du willst wissen, wie du Psychiater werden kannst? Wir haben für dich alle Fakten zusammengestellt!