Craving ist keine Trendsportart.

Auch mit Skifahren hat es nichts zu tun. Craving ist das starke Verlangen, das abhängige Menschen verspüren. Alkohol, Cannabis, Kokain und Co. bewirken, dass eine Menge Glücksgefühle durch den Körper rauschen. Danach die steile Abfahrt: Ernüchterung und Entzugserscheinungen. Das gesamte Leben löst sich förmlich auf. Als Experte für diesen Teufelskreis hilfst du Suchtpatienten beim Richtungswechsel.

Interview

Was bewirkt eine Sucht im Gehirn?
Substanzen, die zu Abhängigkeit führen können, aktivieren das mesolimbische Belohnungssystem im Gehirn. Verschiedenste Neurotransmitter-Systeme werden beeinflusst – vor allem werden Dopamin und endogene Opioide freigesetzt. Je rascher und steiler der Anstieg von Dopamin ist, desto stärker der „Kick“.

Das positive Gefühl führt dazu, dass andere Reize mit der Substanzwirkung verknüpft werden. Das kann der Geruch von Bier sein, die Musik vom letzten Wochenende oder der Anblick einer Zigarettenschachtel. Diese Reize können dann zu einem späteren Zeitpunkt die Wahrscheinlichkeit für einen erneuten Konsum erhöhen, besonders wenn ein unausgeglichener emotionaler Zustand besteht. So können negatives Feedback im Job, Beziehungsprobleme oder einfach Stress dazu führen, dass das Verlangen aufkommt. Im Vordergrund steht dabei das ventrale Striatum bzw. der Nucleus accumbens.

Und jetzt zum „Suchtmoment“: Bei regelmäßigem Konsum wird die Verarbeitung zunehmend vom dorsalen Striatum übernommen. Durch diese Verlagerung im Gehirn wird der Konsum nicht mehr durch die „Vernunftsinstanz“ – den präfrontalen Kortex – kontrolliert und überwacht. Stattdessen laufen automatisierte Prozesse ab. Das Hirn hat auf Autopilot umgeschaltet. Gleichzeitig ist der Wunsch nach dem nächsten Kick im Belohnungssystem stark ausgeprägt, sodass es schwer wird, diesem inneren Drang zu widerstehen. Man könnte sagen, das Steuerzentrum bekommt nur noch einen Bruchteil der eigentlich relevanten Informationen und wird stattdessen mit dringenden Anfragen überschüttet. Dieser Zustand ist für viele Betroffene schwer zu durchbrechen, da sie sich ihr Verhalten erst wieder bewusst machen müssen. Das ist die Voraussetzung, dem inneren Drang, dem Craving, zu widerstehen.

Welche Areale im Gehirn sind beteiligt?
Zusätzlich zum mesolimbischen Belohnungssystem und der inhibitorischen Kontrolle durch den präfrontalen Kortex spielen eine ganze Reihe anderer Bereiche, die für unsere Stimmung und die Reaktion auf Stress zuständig sind, auch eine Rolle: Amygdala, Hypothalamus und Habenula, um genau zu sein. Relevant ist scheinbar auch die Insula, die sonst mit der Fähigkeit zur Wahrnehmung negativer Gefühle in Verbindung gebracht wird. Interessanterweise hatten Raucher, die durch einen kleinen Schlaganfall einen Defekt in der Insula hatten, keine Probleme, mit dem Rauchen aufzuhören und verspürten kein Verlangen mehr.

Ist eine Sucht also keine Charakterschwäche, oder etwas, das man mit bloßem Willen beeinflussen kann?
Eine Suchterkrankung ist biologisch begründet und beruht auf genetischer Verwundbarkeit, Entwicklungserfahrungen, Lebensereignissen und der Verfügbarkeit der Substanz. Das Schwierige ist ja eben, dass sich Suchtverhalten immer mehr der bewussten Kontrolle entzieht und automatisiert abläuft – also eine Art Teufelskreis.

Die Begriffe „Charakterschwäche“ oder „fester Wille“ unterstellen den Betroffenen, nicht aufhören zu wollen. Das ist zum einen nicht fair, da viele Betroffene große Anstrengungen unternehmen, um eine Verbesserung zu erreichen. Außerdem erschwert es den Zugang zur Behandlung, da so eine Aussage auch als Voraussetzung zur Therapie missverstanden werden kann. Das widerspricht modernen psychotherapeutischen Grundsätzen.

„Die Motivation zur Veränderung ist nicht Voraussetzung, sondern Ziel der Therapie.“

Nicht zu vergessen: Ambivalenz ist etwas sehr Menschliches. Nur, weil etwas sinnvoll ist, fällt uns die Umsetzung nicht leichter. „Ich sollte mal wieder zum Sport gehen“, „Ich sollte weniger Auto fahren“, „Ich sollte früher ins Bett gehen“ – das kennen wir alle. Bei einer Sucht kommt hinzu, dass das dorsale Striatum wie beschrieben in eine andere Richtung lenkt.

Abhängigkeitserkrankungen bei Ärzten sind ein großes Tabu. Was sind hier im Speziellen die Ursachen und Möglichkeiten der Hilfe?
Auch Ärzte sind natürlich vor psychischen Erkrankungen nicht gefeit. Aus meiner Sicht spielen hier der hohe eigene Leistungsanspruch, der herausfordernde Job und die emotional teilweise stark belastenden Erfahrungen eine Rolle. Zusätzlich können Nacht- oder Schichtdienst zu Schlafstörungen führen, die dann wieder leicht mit Alkohol oder Medikamenten „behandelt“ werden, um zu funktionieren. Dazu kommt der leichte Zugang zu einigen schnell süchtig-machenden Substanzen. Süchtiges Verhalten ist in unserer Gesellschaft stigmatisiert. Wenn man an Alkoholabhängige denkt, dann eben nicht an den kompetenten, bis zur Selbstaufgabe Arbeitenden, sondern an Obdachlose und verwahrloste Menschen.

„Wenn man an Alkoholabhängige denkt, dann an Obdachlose und verwahrloste Menschen.“

Dieses vorherrschende Bild macht es vielen Betroffenen und auch Ärzten schwer zu erkennen, dass sie selbst erkrankt sein könnten geschweige denn Hilfe in Anspruch nehmen sollten. Sie sehen unter Umständen täglich die schwersten Fälle und sagen sich „so bin ich ja nicht“. Andererseits fehlt es oft an Anlaufstellen für Ärzte, die gewährleisten, nicht auf die eigenen Patienten zu treffen. Es besteht die Sorge, dann nicht mehr als kompetent wahrgenommen zu werden.

Derzeit wird eine Leitlinie zur Medikamentenabhängigkeit erarbeitet. Warum ist das ein wichtiger Schritt?
Neben Alkohol und Tabak die häufigste Abhängigkeit in Deutschland. Das ist bemerkenswert, da Medikamente eigentlich recht streng reguliert sind. Man braucht ja ein Rezept. Am häufigsten sind dabei Benzodiazepine, weiterhin vor allem Opioide, die meist zur Schmerzbehandlung eingesetzt werden. Auch wenn die Zahlen leicht rückläufig sind, braucht es mehr Verantwortungsbewusstsein bei Ärzten aller Fachrichtungen zur Vorbeugung und mehr Wissen darüber, wie man mit einer Medikamentenabhängigkeit umgeht und wie eine adäquate Therapie abläuft. Die Betroffenen kommen nur sehr selten in die suchtmedizinische Behandlung. Die meisten werden vermutlich weiter durch ihre Ärzte versorgt. Die Sorge vor einer Abhängigkeit darf andererseits nicht dazu führen, dass notwendige und indizierte Behandlungen verwehrt werden. Benzodiazepine und Opioid-Analgetika haben einen wichtigen Stellenwert in vielen Bereichen der Medizin. Da ist eine Leitlinie sehr sinnvoll, die Ärzten Hilfestellung in diesem komplexen Spannungsfeld gibt.

Worum geht es bei der Behandlung?
Ziel ist in jedem Fall, die Motivation zur Veränderung zu vergrößern. Das gelingt im Allgemeinen nicht durch Schock-Therapie durch Aussagen wie „Wenn Sie so weiter machen, sind Sie tot“ oder Vorwürfe, sondern durch einfühlsames Vorgehen. Jeder Abhängige hat ja seinen Grund, warum er weiter konsumiert, obwohl er vielleicht schon eine Reihe negativer Folgen dadurch erlitten hat. Insofern steht der psychotherapeutische Anteil der Therapie im Vordergrund. Allerdings haben wir Suchttherapeuten zu einem großen Teil der Betroffenen keinen Zugang – weniger als 10 % der Alkoholabhängigen kommen überhaupt mit dem Suchthilfe-System in Kontakt! Die erste Kontaktaufnahme findet meist beim Hausarzt, in der somatischen Klinik oder bei Suchtberatungsstellen statt. Diese eher niederschwelligen Angebote können dann – je nach Rahmenbedingung, Wunsch der Betroffenen und Schwere des Konsums – in unterschiedliche weiterführende Behandlungen vermitteln.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Suchthilfe-System in Deutschland gut aufgestellt ist, aber mitunter sehr komplex und für Betroffene am Anfang schwierig zu durchschauen.

„Weniger als 10 % der Alkoholabhängigen kommen überhaupt mit dem Suchthilfe-System in Kontakt!“

Ist Abstinenz immer das Ziel?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Abstinenz wurde lange Zeit recht dogmatisch als übergeordnetes Ziel gesehen. Zum einen ist da ein methodisches Problem: ab wann ist ein Rückfall ein Rückfall? ist jemand, der das ganze Jahr über abstinent bleibt und nur an Silvester ein Glas Sekt trinkt, abstinent oder nicht? Der Konsum als solcher ist vielleicht auch gar nicht das alleinige Behandlungsziel, auch wenn dadurch das Risiko für Folgeerkrankungen deutlich beeinflusst wird. Lebensqualität und Funktionalität im Alltag sind möglicherweise ebenso sinnvoll. Auch ist es so, dass Abstinenz nicht für alle das Richtige sein muss. Ich bin froh, dass gerade wir als Psychiater und Psychotherapeuten nicht mehr den Standpunkt vertreten, genau zu wissen, was das Beste für die Betroffenen ist, sondern mehr beraten. Das Abstinenz-Dogma kann auch abschreckend wirken. Etwa die Hälfte kann oder will (zunächst) nicht auf Alkohol verzichten. Wem man dann sagt, er soll bis ans Lebensende abstinent bleiben, der kommt vielleicht nie wieder. Und es gibt durchaus Betroffene, die lernen können, einen reduzierten Konsum dauerhaft beizubehalten. Leichter gelingt das mit professioneller Hilfe. Dabei kann auch reduzierter Konsum zur Abstinenz führen, sozusagen als Einstieg zum Ausstieg.

„Reduzierter Konsum kann ein Einstieg zum Ausstieg sein.“

Vorsichtig muss man sein, wenn schwere Entzugssymptome auftreten. Der Entzug sollte dann mit ärztlicher Begleitung erfolgen.

Ist man am Ende geheilt? Wie bleibt man abstinent?
Es gilt, eine erhöhte Wachsamkeit für das eigene Verhalten beizubehalten. Je schwerer der Verlauf ist und je mehr auf dem Spiel steht, desto genauer sollte man sich überlegen, ob man sich dem Risiko eines Rückfalls aussetzt. Die Patienten, die ich kennen gelernt habe, die über Jahre stabil abstinent waren, haben mit der Zeit eine gewisse Routine entwickelt, sich selbst und ihr Verhalten zu hinterfragen, haben Warnsysteme etabliert und beachtet und machen ihre Schritte bewusst. Dazu gehören Fragen wie „Geht es mir gut?“, „Warum denke ich wieder mehr an Alkohol?“. Umgekehrt ist es riskant, impulsive und spontane Entscheidungen zu treffen, die nicht ausreichend durchdacht wurden: „Heute zur Grillfeier, wenn mir ein Bier angeboten wird, sehe ich weiter, wird schon klappen“ – da ist Vorsicht geboten. Wichtig ist auch, bei einem drohenden oder schon manifesten Rückfall rasch Hilfe in Anspruch zu nehmen. Oft ist das Ausmaß der körperlichen, psychischen und sozialen Schäden viel geringer, wenn der Rückfall nur wenige Tage dauert.

Woran forschen Sie aktuell?
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich klinisch und wissenschaftlich mit ADHS bei Abhängigkeitserkrankungen, vorwiegend bei der Alkoholabhängigkeit. Wir konnten so z. B. zeigen, dass 20 % der Alkoholabhängigen seit ihrer Kindheit an einer ADHS leiden – davon hatte praktisch keiner jemals eine ADHS-Diagnose erhalten! Passend dazu wissen wir aus anderen Studien, dass gerade die unbehandelte ADHS schneller zur Abhängigkeit von Alkohol oder anderen Substanzen führt und zu einem schlechteren Verlauf beider Erkrankungen und auch erhöhter Mortalität. Die Betroffenen sind im Schnitt deutlich jünger, sodass hier noch mehr Anstrengungen gefordert sind, um den Betroffenen zu helfen und schlechte Behandlungsergebnisse, negative Langzeitfolgen und Chronifizierungen zu verhindern.

Wir erforschen dazu gerade im Rahmen eines internationalen wissenschaftlichen Netzwerks in einer großen Studie den klinischen Verlauf von Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen und ADHS über mehrere Monate hinweg. Daraus erhoffen wir uns Hinweise darauf, welche Art der Behandlung für welche Patienten geeignet sein könnte. Das ist der Ausgangspunkt für weitere Studien.

Links:

Lexikon

Das Belohnungssystem ist eigentlich nicht dafür gedacht, dass wir Spaß beim Biertrinken haben – auch wenn es sich dafür gut eignet. Damit nutzen wir ein System, das essenziell für das individuelle Überleben und das Überleben unserer Spezies ist. Es wird im Alltag beim Essen, beim Sex, aber auch bei Lob und sonstigem positivem Input aktiviert.

Bei Abhängigkeitserkrankungen ist nach dem Entzug das Belohnungssystem weniger empfänglich für solche natürlichen Belohnungen, was dazu führt, dass gesunde alternative Verhaltensweisen weniger in Anspruch genommen werden und sich das Verhalten der Betroffenen auf den Konsum und die damit verbundenen Reize einengt.

Keine Frage des Charakters
Dopamin zeigt uns an, dass etwas gut und sinnvoll ist und wir es wieder tun sollten. Es fühlt sich angenehm an. Der Konsum von Drogen oder Alkohol führt u. a. zur Freisetzung von Dopamin und Opioiden im ventralen Striatum. Regelmäßiger Konsum wiederum verstärkt die gelernte Verbindung von Wirkung zu Schüsselreizen. Daraus resultiert eine stärkere Motivation zum Substanzkonsum. Nach einiger Zeit feuern die dopaminergen Neuronen aber nicht mehr dann, wenn die Belohnung eintritt, sondern schon vorher – nämlich sobald die Reize auftauchen, die unmissverständlich bedeuten, dass jetzt gleich eine Belohnung kommt. Viele Betroffene berichten, dass die Vorfreude auf den Konsum unmittelbar vorher größer ist als die Substanzwirkung selbst. Dieses Phänomen könnte die Lust auf mehr und die Suche nach dem nächsten und noch größeren Kick erklären, weil die eigentliche Wirkung hinter den Erwartungen zurückbleibt. Zusätzlich zu Dopamin spielen aber auch noch eine ganze Reihe anderer Neurotransmitter eine Rolle, wie beispielweise GABA und Glutamat (besonders beim akuten Alkoholentzug), Serotonin, Acetylcholin und das Endocannabinoid-System. Sucht ist also keine Charakterschwäche, sondern eine Krankheit, die im Gehirn nachgewiesen werden kann.

Für einen Außenstehenden ist eine Sucht nicht immer leicht zu erkennen, da die Betroffenen dazu neigen, sie zu verheimlichen oder herunterzuspielen. Sucht-Patienten verändern sich häufig in ihrer gesamten Persönlichkeit, unterliegen starken Stimmungsschwankungen, sind oft weniger zugänglich und fallen z. B. durchzunehmendes Desinteresse oder durch nachlassende Leistung und Unkonzentriertheit auf. Teilweise führen sie ein regelrechtes „Doppelleben“.

Warum kommt der Geist aus der Flasche?
In der Jugend spielen Risikobereitschaft, der Wunsch nach Neuem und Aufregendem und die Empfänglichkeit für Gruppenzwang generell eine größere Rolle. Diese Verhaltensweisen erhöhen das Abhängigkeitsrisiko: Je früher der erste Konsum irgendeiner Substanz stattfindet und je regelmäßiger er danach wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, später abhängig zu werden. Niedriger sozioökonomischer Status, elterlicher Substanzkonsum oder -abhängigkeit und mangelnde elterliche Fürsorge haben ebenso Einfluss.

Ein großer gesellschaftlicher Risikofaktor ist die Verfügbarkeit der Substanz. Die Rate an schweren Lebererkrankungen hängt mit dem Preis für Alkohol zusammen. Hier liegt Deutschland weit vorn. Auch der Einfluss Werbung (z. B. für Zigaretten) ist klar belegt.

Fast jede Sucht entwickelt sich über die psychischen Prozesse Erfahrung und Wiederholung an die sich der physiologische Prozess der Gewöhnung oder biologischen Toleranz anschließt. Unter biologischer Toleranz versteht man die Abnahme der Drogenwirkung bei wiederholter Einnahme. Sucht-Patienten kompensieren diesen Wirkungsverlust mit immer höheren Dosen. Ein weiterer Aspekt bei Süchten ist das Eintreten einer Gewohnheit: Der Substanz-Konsum gewinnt immer mehr Bedeutung und Funktion in verschiedenen Lebenslagen und Gemütszuständen. Als „Nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten“ gelten Glücksspiel, Computerspiel- oder Internetsucht aber auch Arbeitssucht oder Sexsucht.

Um von Suchtverhalten bzw. einem Abhängigkeitssyndrom zu sprechen, müssen im Laufe der letzten 12 Monate mindestens drei dieser sechs Kriterien erfüllt gewesen sein:

  • Starkes, unwiderstehliches Verlangen, ein bestimmtes Rauschmittel zu konsumieren,
  • verminderte Kontrollfähigkeit über Menge, Zeitpunkt und Dauer der Zufuhr,
  • körperliche Entzugserscheinungen,
  • stetige Dosissteigerung aufgrund der Toleranzentwicklung,
  • wachsender Interessenverlust und zunehmende Bedeutung von Beschaffung der Substanz bzw. Erholung vom Konsum der Substanz,
  • anhaltender Konsum trotz nachweisbarer schädlicher gesundheitlicher oder sozialer Folgen.

Je nach Suchtstoff und Abhängigkeitsmuster treten verschieden stark ausgeprägte psychische und körperliche Symptome auf. Wiederholtes Einnehmen eines Rauschmittels führt zur Gewöhnung. Psychische Gewöhnung entspringt der süchtigen Fehlhaltung (Belohnungseffekt, Konditionierung). Hinzu kommt die körperliche Gewöhnung: Der Körper gewinnt die Fähigkeit, zunehmende Mengen des Giftes zu „vertragen“. Die Zellen „gewöhnen“ sich an das Rauschmittel, bauen die Droge schneller ab und nehmen sie auch rascher in das Gewebe wieder auf. Eine ständige Dosissteigerung, um den gewünschten Effekt zu erreichen, ist die Folge.

Körper und Psyche brauchen Stoff
Die psychische Abhängigkeit zeigt sich an der wachsenden Bedeutung des Substanzkonsums in bestimmten Situationen oder Stimmungszuständen und an dem „Nicht-aufhören-können“, es entsteht ein unausweichliches Verlangen – das Craving. Die Kontrolle über Zeitpunkt und Menge des Suchtmittel-Konsums entgleitet den Betroffenen. Stimmungsschwankungen, Gleichgültigkeit, Beschönigung, Bagatellisierung und Verheimlichungstendenzen sind klassisch. Typisch ist auch der anhaltende Substanzgebrauch trotz Nachweis schädlicher Folgen.

Körperliche Abhängigkeit äußert sich insbesondere in Entzugserscheinungen beim Versuch des Absetzens oder Reduzierens. Die Entzugssymptome verdeutlichen, dass sich der Körper dem ständigen Drogenaussatz angepasst hat und nun fehlgesteuert ist. Der Körper „braucht“ die Droge wie das tägliche Essen und Trinken. Häufige Begleiterscheinungen sind (abhängig von der konsumierten Substanz) Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, depressive Verstimmungen, Gewichtsverlust, Schweißausbrüche, Kreislaufregulationsstörungen, Herzrasen und neurologische Ausfälle wie Gleichgewichtsstörungen, unkontrolliertes Zittern, Krampfanfälle etc. Die Symptome sind oftmals gegensätzlich zur akuten Drogenwirkung.

Nicht leicht zu beziffern
Wie viele Deutsche sind nun süchtig? Das ist eine Frage, die sich nicht ohne Weiteres beantworten lässt, denn man kann die Angaben nicht einfach aufaddieren, da von vielfachen Überschneidungen und Mehrfachabhängigkeiten auszugehen ist. In Deutschland sind etwa 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen abhängig von Medikamenten. Manche Schätzungen sprechen sogar von 1,9 Millionen Betroffenen. Damit sind ebenso viele Menschen von Arzneimitteln abhängig wie von Alkohol. Spitzenreiter der Medikamente mit Suchtpotenzial sind Schlaf- und Beruhigungsmittel. Eine Abhängigkeit von Cannabis, Kokain oder Amphetamin haben nach Hochrechnungen des Epidemiologischen Suchtsurveys aus dem Jahr 2012 insgesamt 319.000 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren.

Eine Abhängigkeit führt über die Jahre oft zu beruflichen, partnerschaftlichen und sozialen Problemen, was die Entstehung weiterer psychischer Erkrankungen begünstigt. Auch kann der anhaltende Konsum z. B. von Alkohol oder Cannabis depressive Symptome verursachen.

Häufig bestehen auch schon vor der Suchterkrankung andere psychische Erkrankungen und der ausufernde Substanzgebrauch ist dann eine kurzfristige Möglichkeit, mit den Symptomen oder den daraus entstehenden Problemen umzugehen. Das sehen wir beispielweise häufig bei traumatischen Erfahrungen, affektiven Erkrankungen, Angststörungen und ADHS. Gerade ADHS wird in der Häufigkeit bei Suchterkrankungen dramatisch unterschätzt – auch in Hinblick auf die Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf. Vor allem die unbehandelte ADHS zieht oft neben der Sucht noch einige zusätzliche psychische Erkrankungen mit sich.

Raus aus dem Teufelskreis
In Deutschland ist das Behandlungssystem für Menschen mit suchtbezogenen Problemen und ihre Angehörigen sehr differenziert. Es reicht von Beratung über Akutbehandlung und Rehabilitation bis zu Maßnahmen, die die berufliche und gesellschaftliche Teilhabe fördern. Ambulante Behandlungen bieten Psychiater und Psychotherapeuten sowie Suchtberatungsstellen. Der erste Ansprechpartner ist meistens jedoch der Hausarzt. Ist eine intensivere Behandlung, eine zeitweilige Distanzierung vom Umfeld oder eine Behandlung schwerer Entzugssymptome notwendig, wird eine stationäre Behandlung empfohlen. Als eine Art Mittelweg gibt es auch tagesklinische Angebote. Die (teil-)stationäre Behandlung sollte sich nicht nur auf den körperlichen Entzug beschränken, sondern zusätzlich Psychotherapie anbieten. Diese findet meist in Gruppen statt. Wichtige Schwerpunkte sind hier Psychoedukation über die Erkrankung, den Umgang mit Gefühlen und mit Risiko-Situationen, die Stärkung von Ressourcen und der Aufbau positiver Aktivitäten. Wichtig ist in jedem Fall, dass begleitende Erkrankungen – sowohl körperliche als auch psychische – erkannt und adäquat behandelt werden. Die Dauer der Behandlung in der Akutpsychiatrie beträgt z. B. beim Alkoholentzug meist drei Wochen. Dabei werden auch dringende soziale Probleme wie beispielsweise mit Ämtern angegangen.

Ziel ist es, für die Betroffenen individuell eine weiterführende Therapie zu organisieren. Die meisten kommen erst 10 Jahre nach Beginn der Abhängigkeit in die Behandlung, da sind 3 Wochen Station ein guter erster Schritt. Die weitere Therapie kann dann aus dem Besuch von Selbsthilfegruppen, dem regelmäßigen Kontakt zu Suchtberatungsstellen, einer Psychotherapie, einer Behandlung mit Medikamenten (z. B. Rückfallprophylaktika) oder einer Reha (Entwöhnung) bestehen. Die Entwöhnung wird manchmal auch Langzeit-Therapie genannt. Das ist missverständlich, denn die Dauer kann sehr unterschiedlich sein. Sie wird meist durch die Rentenversicherung übernommen und muss etwas bürokratisch beantragt werden. Sie kann ambulant, tagesklinisch oder stationär durchgeführt werden, außerdem sind viele Kombinationen dieser Settings möglich.

Entscheidend ist es, den Abhängigen im eigenen Interesse zur Entwöhnung zu motivieren sowie Maßnahmen, die einen Rückfall verhindern wie z. B. die Teilnahme an Selbsthilfegruppen, anzubieten. Es gilt, die Persönlichkeit des Betroffenen zu stabilisieren und das meist sehr reduzierte Selbstbewusstsein zu stärken. Die Bewältigung des normalen Alltags und ein Wiedereinstieg in den Beruf werden angestrebt. Der Patient muss zudem alternative Mechanismen bei Problemen und Konflikten erlernen, damit er in Stresssituationen und schlechten Zeiten nicht wieder zur Droge greift. Bei bestimmten Suchterkrankungen wie z. B. der Opiatabhängigkeit besteht darüber hinaus die Möglichkeit der Substitutionsbehandlung in spezialisierten Praxen oder Ambulanzen. Dabei ist nach den dementsprechenden medizinischen und gesetzlichen Richtlinien vorzugehen.

Du möchtest mehr über das Krankheitsbild erfahren? Fundierte Informationen findest du auch hier:

Interview

Ich wurde vor etwa zehn Jahren alkoholabhängig. In der Zeit, in der ich trank, habe ich unter anderem als Au-pair, in einer Wirtschaftskanzlei und als Modelbookerin gearbeitet. Aufgefallen ist es niemandem, obwohl ich in meiner schlimmsten Phase schon morgens eine Flasche Weißwein getrunken habe und abends eine Flasche Wodka oder mehr. Ohne den Alkohol im Blut machten sich Entzugserscheinungen bemerkbar. Ich wurde zum Beispiel so nervös, dass meine Hände und Mundwinkel anfingen, zu zittern. Ich habe mich dafür geschämt und wollte meinen Zustand vor Kollegen und Kolleginnen verheimlichen. Das hat aber nur funktioniert, wenn ich bei der Arbeit getrunken habe. In der Mittagspause kaufte ich deshalb ab und an kleine Piccoloflaschen, die gut in meinen Rucksack gepasst haben. Ich trank dann heimlich Sekt oder Weißwein auf der Bürotoilette oder im Treppenhaus. Danach ging ich an meinen Arbeitsplatz und machte weiter, als sei nichts gewesen.

Wann das Trinken bei mir zu einer Krankheit wurde, kann ich nicht genau sagen. In meiner Familie wurde gut und gerne Alkohol getrunken, und heute weiß ich, dass mindestens zwei meiner Verwandten abhängig waren. Einige wichtige Menschen in meinem Leben versuchten, ihre Probleme im Alkohol zu ertränken – und als Jugendliche habe ich das nachgemacht. Gleichzeitig gehört Alkohol in Deutschland so selbstverständlich zum Alltag dazu, dass es niemandem auffällt, wenn eine Person oft oder zu viel trinkt. Schon als Studentin war ich gern auf Partys unterwegs, bei denen ein Vollrausch dazugehörte. Beim Berufseinstieg habe ich damit einfach weitergemacht.

„Wenn ich nach Feierabend mit Kollegen unterwegs war, habe ich zuvor zu Hause vorgetrunken.“

Als ich in der Modelagentur arbeitete, kam ich montags auch mal nach einer 18-Stunden-Party verkatert ins Büro. Ich machte mir keine Sorgen um mich, da ich dachte, dass es anderen genauso geht. Auch meine Kolleginnen und Kollegen haben solche Situationen eher weggelächelt. Dabei hätte ich eigentlich dringend einen Menschen gebraucht, der mich zur Seite nimmt und mir sagt, dass mein Verhalten alles andere als normal ist. Doch niemand hat gemerkt, wie viel ich trank – obwohl wir in einigen Büros, in denen ich gearbeitet habe, nur zu dritt oder zu viert waren.

Wahrscheinlich bin ich auch deshalb nicht aufgeflogen, weil ich meine Arbeit trotzdem immer noch gut gemacht habe. Ohne das Gift in meinem Körper wäre ich sicherlich schneller gewesen oder der ein oder andere Flüchtigkeitsfehler wäre nicht passiert. Aber solange man im Job einigermaßen funktioniert, sagt niemand etwas. Wahrscheinlich, weil man damit eine persönliche Grenze überschreiten würde. Außerdem habe ich im Büro meistens die Selbstbewusste gespielt und dadurch die Sucht gut verstecken können.

Über die Jahre habe ich eine Reihe von Tricks entwickelt: Wenn ich nach Feierabend mit Kollegen zu einer Veranstaltung oder in einer Bar unterwegs war, habe ich zuvor zu Hause vorgetrunken, damit nicht auffällt, dass ich eigentlich dreimal so viel benötige wie alle anderen. Im Büro habe ich immer sehr auf körperliche Distanz geachtet, damit niemand den Alkohol riecht. Das war vor allem dann problematisch, wenn mir jemand etwas am Computer zeigen wollte. Ich habe dann die Luft angehalten und in die andere Richtung ausgeatmet.

Nach zehn Jahren Trinken hat man mir meine Sucht auch körperlich angesehen. Mein Gesicht war aufgequollen, meine Hände haben gezittert und waren angeschwollen. Ich hatte Angstzustände, war ständig nervös und konnte ohne den Alkohol nicht mehr schlafen. Aber in all den Jahren hat mich nur eine einzige Vorgesetzte in einer Agentur darauf angesprochen und mir gesagt, dass sie sich Sorgen macht. Sie hatte selbst eine Burn-out-Erfahrung hinter sich und fürchtete, dass es mir genauso ergehen könnte. Sie kam damals aber nicht drauf, dass ich alkoholabhängig bin, und ich habe es auch nicht übers Herz gebracht, es ihr zu erzählen. Aber als ich Anfang 2018 eine Therapie beendete, habe ich Kontakt zu ihr aufgenommen. Ich habe ihr erklärt, was mit mir los war, und mich bei ihr entschuldigt. Ich hatte das Gefühl, sie enttäuscht und hintergangen zu haben. Überhaupt: In der Zeit, in der ich trank, habe ich mich immer gegenüber meinen Vorgesetzten geschämt. Ich hatte das Gefühl, sie enttäuscht und hintergangen zu haben.

„Ich hatte über 3,1 Promille im Blut.“

Viele Menschen trinken wegen des Stresses im Job. Bei mir war das Gegenteil der Fall: Ich wusste oft nicht, was meine Aufgabe ist, und war dadurch unterfordert und sehr verunsichert. Außerdem hatte ich immer den Eindruck, ich mache zu wenig, und habe keinen Sinn in meiner Arbeit gesehen. Heute weiß ich, dass ich in keinem meiner Jobs richtig glücklich war. Etwas Neues auszuprobieren, habe ich mir damals aber nicht zugetraut. Ob nüchtern oder alkoholisiert, ich hatte immer mit starken Selbstzweifeln zu kämpfen.

Meine schlimmste Phase hatte ich 2017. An manchen Tagen war es so schlimm, dass ich morgens vor der Arbeit getrunken habe, weil ich nicht einmal einen Stift in meiner Hand halten konnte, ohne dass meine Hände gezittert haben. Oft besorgte ich mir schon direkt nach dem Aufstehen eine Weißweinflasche. Dafür bin ich jeden Morgen in einen anderen Kiosk gegangen, damit die Verkäufer keinen Verdacht schöpfen. Den Alkohol habe ich auf leeren Magen getrunken, während ich mich für die Arbeit fertig gemacht habe. Da wurde mir langsam klar, dass ich ein riesiges Problem habe. Trotzdem habe ich ein paar Monate lang so weitergemacht.

Der endgültige Zusammenbruch kam, als die Beziehung zu meinem damaligen Freund in die Brüche ging. Außerdem platzte noch eine Festanstellung, die mir in Aussicht gestellt worden war. Die Castingagentur, von der ich eine Jobzusage hatte, konnte mich doch nicht übernehmen. Das war zu viel für mich. Ich saß tagelang allein zu Hause, trank und war völlig am Ende. Einmal brachte mich eine damalige Freundin wegen schlimmer Angstzustände ins Krankenhaus. Ich hatte über 3,1 Promille im Blut. Menschen, die nicht alkoholabhängig sind, würden sich bei einem solchen Wert längst übergeben und könnten nicht mehr stehen. Ich konnte aber noch laufen und mich ganz normal unterhalten. Das hat mir gezeigt, wie abhängig ich wirklich war.

„Ich habe verstanden, dass ich nicht allein bin und dass es okay ist, manchmal schwach zu sein.“

Heute denke ich: Die Jobabsage war im Endeffekt das Beste, was mir passieren konnte. Den Castingjob hätte ich emotional und körperlich nicht ausführen können. Vielleicht musste ich auch erst mal ganz tief ankommen, um zu verstehen, wie sehr ich Hilfe brauchte.

Kurz nach dem Vorfall im Krankenhaus bin ich für ein paar Wochen zu meinen Eltern gezogen. Ich habe mit ihnen offen über meine Probleme gesprochen und mich mit ihrer Hilfe für drei Wochen in eine Entzugsklinik einweisen lassen. Nach dem Aufenthalt ging es mir zwar vorerst besser, doch er hat nicht gereicht, um meine Probleme zu verstehen und sie wieder in den Griff zu bekommen. Eine Woche nach Entlassung war ich wieder überfordert und angespannt, und trank genauso viel wie zuvor. Nach der Entgiftung konnte mein Körper das aber nicht mehr verarbeiten. Also bin ich wieder im Krankenhaus gelandet und musste mir eingestehen, dass ich über einen längeren Zeitraum therapeutische Hilfe benötige, um mein Leben gesünder auszurichten.

Ich habe daraufhin eine 27-wöchige Therapie angefangen. Ich habe in dieser Zeit verstanden, dass ich nicht allein bin und dass es okay ist, manchmal schwach zu sein. Als ich noch einen Job hatte und den Anschein aufrechterhalten konnte, alles sei in Ordnung, habe ich mir diese Schwäche nicht gestattet.

Mittlerweile bin ich clean, trocken und stabil. Ich bin zufriedener mit mir und meinem Leben, als ich es jemals war. Ich achte heute viel mehr auf mich, habe mich beruflich neu orientiert und mein Umfeld geändert. Heute arbeite ich als Streetworkerin und mache nebenbei eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin. Außerdem blogge ich über das Leben mit der Sucht. Im Gegensatz zu meinen vorherigen Jobs sehe ich jetzt einen Sinn in meiner Aufgabe und gehe gern zur Arbeit. So absurd es klingt: Meine Krankheit hatte auch etwas Gutes. Sie hat viel kaputtgemacht – aber mir auch den Weg in ein erfüllteres Leben eröffnet.

Der Original-Artikel ist am 11.4.2019 auf ze.tt erschienen.
Mehr von Vlada auf ihrem Blog Herz sucht Fluss.