Psyche im Film

Von wegen oscarreif.

Psyche im Kino und Fernsehen: Welche Geschichten erzählen Krimis und Thriller über psychische Krankheiten? Welche Bilder und Stereotype verfestigen sich dadurch in unseren Köpfen?

Medienwissenschaftler und Kriminologen sprechen vom „CSI-Effekt“: Filme und Serien prägen das Bild, das wir uns von Tätern, Kommissaren und Ermittlungsmöglichkeiten machen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die psychischen Probleme der Figuren, sie sind aus den Drehbüchern nicht mehr wegzudenken. Während es beim CSI-Effekt darum geht, dass wir völlig fiktionale DNA-Vergleiche und Cyberermittlungen für Standard in der Polizeiarbeit halten, dienen psychische Erkrankungen als Kunstgriff, wenn die Geschichte noch einen unerwarteten Twist braucht oder um den Figuren etwas Tiefgründiges zu verleihen. Werfen wir einen Blick hinter die Klischeekulissen. Achtung Spoiler: Zuallererst gilt es zu unterscheiden, ob die Rede von Kinofilmen oder Fernsehsendungen ist.

Irre Mörder und kaltblütige Psychopathen

Die DNA eines Psychothriller gibt es bereits vor: In zwei Stunden muss ein größtmöglicher Spannungsbogen erzeugt werden, um den Zuschauer an die Leinwand zu fesseln. Am besten lässt sich der besondere Thrill durch Darstellungen des gemeingefährlichen Irren, des wahnsinnigen Psychiaters oder dem psychisch Kranken mit besonderer Begabung erzeugen. Die Klassiker „Psycho“, „Das Schweigen der Lämmer“ und „A Beautiful Mind“ lassen grüßen. Auch Klischees über die Institution Psychiatrie tragen zum besonderen Filmerlebnis bei: Sie suggerieren, dass in psychiatrischen Kliniken Zwangsjacken, Elektroschocks, schlimme Medikamente und sogar Hirnoperation zum Alltag gehören. Spektakuläre Gewalttaten erklären die Filmmacher der Einfachheit halber gerne mit psychischen Störungen. Dabei zeigen Studien, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Menschen mit psychischen Erkrankungen sind viel häufiger Opfer von Gewalt sind, als die Normalbevölkerung.

Keine Frage: Ausgeprägte Persönlichkeitszüge, extreme Krankheitsbilder und überzogene Klischees sind dramaturgische Mittel, um die psychischen Abgründe des Menschen zu verdeutlichen und tief verankerte menschliche Ängste zu fokussieren. Gleichzeitig helfen sie dem Publikum auch, sich von der Filmfigur zu distanzieren und sich mit den „Guten“ zu solidarisieren. Die Figur des kaltblütigen Psychopathen oder des irren Mörders ist und bleibt also ein Publikumsgarant. Fatal daran ist allerdings, dass so ein spezielles Krankheitsbild – die dissoziale Persönlichkeitsstörung – in seiner schwersten Form auf der Leinwand überproportionale Aufmerksamkeit erfährt, obwohl es sich in der Realität dabei nur um einen Bruchteil Patienten handelt. Es liegt auf der Hand, dass dieser Figuren-Typus kaum zur Entstigmatisierung von psychisch Kranken beim Zuschauer beitragen kann und soll – ganz im Gegenteil: Er forciert das Vorurteil vom ‚unberechenbaren und gewalttätigen Irren‘.

Täter mit Persönlichkeitsstörung und labile Ermittler

Psychisch kranke Mörder begegnen uns nicht nur auf der Kinoleinwand, sondern flimmern auch allabendlich über die heimische Mattscheibe. Sendungen wie „Tatort“ und „Polizeinotruf“ zeichnen oft ein ähnliches Bild von Tätern und Ermittlern: Der typische TV-Täter ist gebildet, klug, raffiniert oder auf andere Art genial. Die geistige Stärke der Täter geht häufig mit einer gestörten oder verzögerten sexuellen Entwicklung einher. Oft wird auch ein Hang zu zwanghaftem oder rituellem Vorgehen skizziert, das geheimnisvoll, rätselhaft und unlösbar wirken soll. Aufgrund der psychischen Störung sind die Täter entweder sozial gestörte Außenseiter oder überangepasst. Entsprechend ihrer Rolle werden sie grundsätzlich als unberechenbar und gefährlich dargestellt. Damit der Zuschauer die Angstlust überwinden und daraus Befriedigung ziehen kann, steht am Ende fast immer die Vermittlung zwischen Verbrecher und Gesellschaft: Der Täter wird gefasst. Bezeichnend daran ist, dass die Fernsehspiele so gut wie nie erzählen, was nach der Verhaftung mit ihm geschieht: wie der Prozess gegen ihn verläuft, ob er anschließend ins Gefängnis oder eine forensische Klinik überstellt wird, welche Art von Behandlung er erfährt und ob gegebenenfalls eine Besserung oder Heilung seiner Störung erfolgt.

Fernsehermittler in der Krise

Gleichzeitig begegnen wir immer öfter psychisch anfälligen oder psychisch erkrankten Kommissaren. Die heldenhaften und glatten Ermittlerfiguren haben im Laufe der letzten Jahre Risse und ambivalente Charakterzüge bekommen. Ihre Probleme sind häufig traumatisch motiviert. Gängig ist, dass eine Sucht die eigentliche Störung überlagert. Gemeinsam ist allen diesen Figuren, dass sie trotz psychischer Einschränkungen eine extreme Leistungs- und Erfolgsorientierung zeigen: Fast unvorstellbar ist, dass sich ein deutscher Ermittler vom Dienst suspendieren oder sich den Fall entziehen lässt. Dementsprechend werden auch psychische Erkrankungen oder Krisen um jeden Preis verdrängt. Aufgrund innerer Not und mangels anderer Verdrängungsmöglichkeiten widmen sich Ermittler mit psychischen Störungen praktisch ausschließlich ihrer Arbeit – was eine Verbesserung oder Heilung der psychischen Problematik natürlich erschwert. Gleichzeitig ist diese Fixierung auch eine ihrer besonderen Stärken und trägt maßgeblich dazu bei, den Fall zu lösen.

Der labile Ermittler ist als Ausdruck der psychischen Belastung, die mit den Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft einhergeht, wesentlich realitätsnäher als sein archetypischer Gegenspieler, der psychisch kranke Täter. Traumatische Belastungen, Depressionen, Ängste oder Alkoholprobleme werden als selbstverständliches Element innerhalb der Welt der Geschichte erzählt. Die Figuren müssen damit, genau wie real Betroffene, so lange es möglich ist ihren Job erfüllen, ihre Scheidung durchstehen, den Täter fassen, den Chef zufriedenstellen und abends auch einschlafen. Sie werden nicht als das Fremde, das Andere betrachtet. Gleichzeitig müssen die Kollegen im Präsidium mit ihren Launen und Besonderheiten umgehen, schon allein deshalb, weil sie – im Gegensatz zum verhafteten Täter – in der nächsten Folge wieder dabei sind.

Die psychische Störung der Ermittler wird nicht diskutiert, sondern als integraler Bestandteil der Gesellschaft gezeigt. Im Gegensatz zu ihrem Pendant, dem Täter, sind diese Figuren aufgrund ihrer Rolle grundsätzlich geeignet, zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten, auch in Rückwirkung auf die Realität, beizutragen. Der Zuschauer sieht Auslöser und Symptome, aber auch das Bemühen der Kommissare, das Leben zu meistern, stark zu sein und den Täter zu fassen, als ‚ganz normalen‘, dauerhaften Teil dieser Welt.

Quellen:
Psyche im Fokus 3/2015
Themendienst Aktionsbündnis Seelische Gesundheit